

Lotte hatte sich schräg hinter den Herrn und die elegante Dame gesetzt, weil sie neugierig war, wie es mit den beiden weiterging.
Während des Vorprogramms - Lotte mochte keine Werbung -, schaute sie immer wieder zu ihnen. Die beiden hatten die Köpfe zusammengesteckt und unterhielten sich angeregt. Lotte fühlte sich einsam und war froh, als der Hauptfilm endlich begann.
Darf ich bitten? war ein Remake des japanischen Films Shall we dansu?, in dem der schöne Richard Gere einen introvertierten Anwalt spielte, der nach einem neuen Kick in seinem Leben suchte, weil er den in seiner Ehe nicht mehr fand. Wenn Lotte Liebeskummer hatte, sah sie sich gerne Beziehungsfilme an, denn es tröstete sie, wenn bei anderen auch nicht alles rund lief.
Die Hauptrollen waren neben Richard Gere mit Jennifer Lopez und Susan Sarandon besetzt. Lotte schwärmte für Richard Gere, seitdem sie American Gigolo im Alter von dreizehn Jahren nachts heimlich im Fernsehen gesehen hatte. Danach hatte sie als echter Fan keinen seiner Filme versäumt, auch nicht die schlechten. Richard war eben auch nicht immer in Form. Wie sympathisch. Aber in Cotton Club, Pretty Woman, Mr Jones, Unfaithful und Chicago machte er eine wirklich gute Figur.
Darf ich bitten? war genau die richtige Wahl am Tag eins nach der Trennung von Reiner und acht Stunden nach der Ablehnung von Toter Flieder. Ein Film mit traurigen, ernsten und komischen Momenten und einer mitreißenden Musik. Balsam für die Seele und Tausend Mal besser als jede Therapie, in der man dazu angehalten wurde, sich in seinem eigenen Unglück zu wälzen. Und das wollte Lotte nicht. Sie sah lieber zu, wie Richard von der rassigen Jennifer Lopez das Tanzen lernte. Walzer, Cha-Cha-Cha und Tango, die guten, alten Standardtänze, die sie auch beherrschte, weil ihre Eltern leidenschaftliche Tänzer waren und Lotte schon mit vierzehn in eine Tanzschule geschickt hatten.
Reiner hatte nie mit ihr getanzt. Aber in den ersten Wochen ihrer Beziehung versprach er eifrig, einen Tanzkurs mit ihr zu machen. Nachdem Lotte bei ihm eingezogen war, war die Sache mit dem Tanzkurs für ihn erledigt. Lotte merkte bald, dass Boxen das Einzige war, was er ernst nahm. Als Teilhaber eines Fitness-Studios verdiente er genügend Geld, um sich ganz diesem Sport zu widmen.
Schon wieder ... Unwillig schüttelte Lotte den Kopf. Schon wieder musste sie an ihn denken. Selbst gegen so einen attraktiven Mann wie Richard Gere konnte Reiner noch punkten.
Lottes Blick wanderte zu dem feinen Herrn und der Dame, deren Schultern sich leicht berührten. Der Herr hielt einen Becher Popcorn auf dem Schoß.
Die haben's gut, dachte Lotte und malte sich aus, wie zwei fremde Hände gleichzeitig in den Pappbecher griffen und zwischen klebrigen Popcornstückchen nur allzu gerne bereit waren, einander in die Quere zu kommen. Schüchterne Berührungen, die den Atem stocken und das Herz höher schlagen ließen, während der Verstand längst alle Viere von sich gestreckt hatte und eine wohlverdiente Auszeit nahm.
Erstaunlich, wie schnell zwei Menschen ihre Hemmungen über Bord werfen können, wenn sie sich zueinander hingezogen fühlen, dachte Lotte und sah wieder zur Leinwand, wo Beverly Clark ihren großen Auftritt hatte.
Beverly Clark war Richard Geres Ehefrau, gespielt von Susan Sarandon, die einen Privatdetektiv engagieren wollte, weil sie einen Seitensprung ihres Mannes vermutete. Endlich eine Szene, die zu Lottes Gefühlslage passte und ihre Gedankensprünge im Zaum hielt.
Privatdetektiv: Also, mittwochs kommt er spät nach Hause. Und wenn er kommt, riecht sein Hemd nach Parfüm. Außerdem bewegt er sich merkwürdig. Deshalb glauben Sie, er hat was zu verbergen.
Beverly Clark: Ja, genau.
Privatdetektiv: Haben Sie schon mal daran gedacht, ihn zu fragen?
Beverly Clark: Ja, das habe ich.
Privatdetektiv: Wissen Sie was, Mrs Clark, es kann viel passieren im Leben. Ganz besonders in langen Ehen. Und manchmal bedeutet das, was passiert, überhaupt nichts. Und das ist kein Fall für einen Detektiv. Da muss man einfach wegschauen.
Beverly Clark: Mein Mann ist ein ernsthafter Mensch, Mr Devine. Er hätte nie eine Affäre, die nichts bedeutet. Und weil das so ist, wüsste ich gerne schnellstens Bescheid.
Souverän meisterte Beverly ihren Auftritt, und das gefiel Lotte. Sie ließ sich von diesem Detektiv nicht einschüchtern, der, anstatt sie zu unterstützen, erst einmal für die männliche Seite Partei ergriff. Typisch! Aber Beverly ließ nicht locker. Obwohl sie Angst vor der Wahrheit hatte, wollte sie klare Verhältnisse schaffen. Das war mutig.
Lotte dachte an ihre eigene Situation und sah sie in einem helleren Licht. Konsequent und ohne zu zögern, hatte sie Schluss gemacht. Was für ein Segen, dass sie sofort die Kurve gekriegt und sich einen Abgang mit Würde verschafft hatte. Darauf konnte sie stolz sein, auch wenn es nicht den Liebeskummer linderte, der ihr schätzungsweise bis in den Herbst hinein den Appetit am Leben verderben würde.
Hoffentlich kommt Beverly Clark mit einem blauen Auge davon, wünschte sich Lotte und betete, dass Richard Gere keine dummen Sachen anfing. Denn wenn man jemanden wirklich liebte, musste man sich am Riemen reißen und auf ein flüchtiges Abenteuer verzichten, auch wenn es schwer fiel. So einfach war das Rezept für eine gute Ehe, aber leider hielten sich die wenigsten daran.
Lotte versuchte sich zu entspannen. Über die Hälfte des Films war geschafft, und was erfreulich war, ein Happy End für Beverly und John schien immer noch möglich.
Sprecherin
Die Texte werden von Susanna Bonaséwicz gesprochen. Sie ist Synchronsprecherin, Regisseurin und Schauspielerin.Sie leiht ihre Stimme unter anderen der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert und den bekannten Hollywood-Darstellerinnen Sissy Spaceck, Isabella Rossellini, Bridget Fonda und Sally Field. In Die Bourne Verschwörung und Das Bourne Ultimatum verkörpert sie die deutsche Stimme von Joan Allen.